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Vom praktischen Wert eines unreflektierten Wortes PDF Drucken E-Mail

„fascho! berichte aus dem alltag“ – Welche Überlegungen hinter diesem Ausstellungstitel stehen und mit welchen politischen Überzeugungen und Ideen das Kollektiv an die Gestaltung der Ausstellung herangegangen ist, versuchen wir im folgenden Text darzulegen.

 

Von Faschismus reden? 

Können wir von „Faschismus“ oder „faschistischen Zuständen“ reden, wenn wir die Gegenwart zu beschreiben versuchen? Sind aktuelle Phänomene wie die zunehmende Präsenz „neo-nazistischer“ und -„faschistischer“ Gruppen seit den 1980er Jahren, das erschreckend xenophobe Abstimmungsverhalten der SchweizerInnen im letzten Herbst oder die „Missbrauchs“-Debatte im Zusammenhang mit der IV-Abstimmung vom 17. Juni mit diesen Begriffen sinnvoll oder auch nur annähernd zu beschreiben? Wäre dies nicht ein äusserst fragwürdiges Vorgehen angesichts der Massenmorde, welche von und in den faschistischen Ländern der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts begangen wurden? Und leben wir in unserer heutigen Gesellschaft nicht tatsächlich wesentlich anders zusammen, sodass unser Leben nicht beschrieben werden könnte, würde man jene Begriffe wieder verwenden? Von solchen Fragen waren die Arbeit an der und die Diskussionen über die geplante Ausstellung „fascho – berichte aus dem alltag“ von Anfang an bestimmt. Die Antworten und die auf dieser Basis gemeinsam erarbeiteten politischen Positionen haben das Ausstellungskonzept wesentlich geprägt und sind als Beitrag zu einer dringend nötigen Debatte zu verstehen. Diese zu führen muss nicht nur für die theoretisch interessierte radikale Linke ein zentrales Anliegen sein.


Nicht einfach faschistisch

Wir denken, dass die Debatte letztlich drei zentrale Felder berührt. Erstens geht es um die Bewertung „neo-faschistischer“, „neo-nazistischer“ und anderer rechter Ideologien und Bewegungen. Sollen sie als „Randphänomen“ abgetan werden, das keine weitere Beachtung verdient? Oder müsste nicht eher danach gefragt werden, welche impliziten Funktionen sie womöglich in unserer Gesellschaft erfüllen? Zweitens ist die Rolle bestimmter Diskurse und Fragmente von Ideologien zu untersuchen. Fremdenfeindlichkeit, Antisemitismus oder Diskussionen über den „Wert“ des Lebens sind nach wie vor weit verbreitet. Es fragt sich, welche Bedeutung die Tatsache hat, dass sie auch zentrale Bestandteile faschistischer Ideologien waren, wenn sie beschrieben und Gegenstrategien ausgearbeitet werden sollen. Drittens muss diskutiert werden, wie bestimmte Politiken und Praktiken wie die gegenwärtige repressive Migrations- oder Behindertenpolitik bewertet werden sollen. Auch wenn die Motivationen dabei nicht unbedingt dieselben sind wie jene der faschistischen TäterInnen, so führen sie doch teilweise zu ähnlichen Ergebnissen. Inwiefern, so lautet hier die Frage, können Politiken und Praktiken aus verschiedenen historischen Epochen miteinander verglichen werden, die auf der Ebene der Phänomene, nicht aber auf der ideologischen Ebene Gemeinsamkeiten aufweisen?

Hinter all diesen Debatten steht die grundlegende Frage, inwiefern Faschismus-Theorien und der Vergleich mit historischen Faschismen für die Analyse der gegenwärtigen Situation geeignet sind. Es scheint uns eine dringliche Aufgabe zu sein, die Rede über „Faschismen“ und „faschistische“ Merkmale unserer Gesellschaft zu differenzieren und zu systematisieren. Während diese Begriffe bei jeder Gelegenheit in den Mund genommen werden, fehlt eine gründliche Auseinandersetzung mit ihnen weitestgehend. Die akademische Diskussion, die selbst leider in der Regel vollständig der praktischen Dimension entbehrt, wird nicht oder kaum rezipiert. Dies führt dazu, dass die Begriffe an kritischer Schärfe verlieren. Sie drohen zu Allerweltsfloskeln am linken Stammtisch zu werden, die nicht mehr geeignet sind, aktuelle wie historische Phänomene und Ereignisse differenziert zu beschreiben. Darüber hinaus werden sie mehr und mehr von ihren historischen Bezügen gelöst, was letztlich die Besonderheit der geschichtlichen Faschismen zu relativieren droht. Gegen solche Tendenzen gilt es anzugehen.

Trotzdem haben wir bewusst den Titel „fascho! berichte aus dem alltag“ für unsere Ausstellung gewählt. Die umgangssprachliche Wendung „fascho!“ erlaubt es uns zunächst einmal, von alltäglichen Beobachtungen und spontanen Interpretationen auszugehen. Sie steht für eine unreflektierte, emotionale, aber grundsätzliche Missbilligung verschiedener Äusserungen und Handlungen in der Gegenwart und wird für alle drei skizzierten Felder verwendet. Es ist zwar unverkennbar, dass „fascho!“ auf den Begriff „Faschismus“ zurückgeht, gleichwohl ist die Bedeutung so stark von dieser konkreten Herkunft entfernt, dass nicht gleich an „Faschismus“ gedacht werden muss, wenn jemand „fascho!“ sagt. Ohne sich direkt an Faschismus-Konzepte oder Beschreibungen historischer Faschismen anzulehnen, behauptet der Ausruf, dass es Beziehungen zwischen den drei Themenfeldern gebe, die möglicherweise irgendetwas mit „Faschismus“ zu tun haben.

Genau dies war die Ausgangsfrage des Ausstellungsprojektes: Könnte es nicht sein, dass die gemeinhin mit „fascho!“ beschimpften Phänomene mehr miteinander zu tun haben, als es die KritikerInnen einer unreflektierten Wortwahl zugestehen wollen? Während jene „ernsthaften“ DiskussionsteilnehmerInnen bei Wörtern wie „fascho!“ erschaudern würden, haben wir uns gefragt, ob nicht gerade die Kritik an diesem Schlagwort einen Blickwinkel verhindert, der die damit bezeichneten Phänomene zu einander in Bezug setzt. Die Anrufung „fascho!“ dient uns somit als Instrument, mit dem wir unser sehr heterogenes Material nach Gemeinsamkeiten und Bezügen untersuchen und die Frage nach dem „Faschismus“ stellen können.


„fascho!“ ist...

Mit „fascho!“ bezeichnen wir zunächst das Phänomen „neonazistischer“, „-faschistischer“ und ähnlicher Organisationen, Gruppen, Subkulturen und Denkweisen, mit dem wir uns seit gut zwei Jahrzehnten konfrontiert sehen. Trotz Rückschlägen formieren sich diese Gruppen immer wieder neu und dominieren mittlerweile die Jugendkulturen ländlicher Gegenden. Auch in den Städten werden sie immer wieder sichtbar. Ob diese Gruppen eine „Randerscheinung“ sind oder nicht: Sie sind überall eine reale Bedrohung für all jene Personen, die nicht in ihr Weltbild passen.

Das Wort „fascho!“ soll zweitens auch jene Diskurse denunzieren, welche zentrale Bestandteile der Ideologie historischer Faschismen waren. Auch nach dem Ende der faschistischen Diktaturen haben sie sich in verschiedenen Debatten gehalten und wurden ständig weiterentwickelt. Dazu zählen etwa gewisse Formen des alltäglichen Rassismus; die Tatsache, dass laut Umfragen ein nicht unerheblicher Anteil der EinwohnerInnen der Schweiz der Ansicht ist, Juden hätten zu viel Einfluss; Aspekte der heutigen Bevölkerungspolitik mitsamt bestimmten eugenischen Forderungen; das Wiederaufkommen eines nationalistischen Denkens, das sich unter anderem auf eine „Blut und Boden“-Argumentation stützt („nur wer immer schon SchweizerIn war, ist es auch wirklich“); die Vorstellung von der „Einheit“ des „Volkes“, welche Klassen- und andere Antagonismen gezielt ausblendet. Verschiedene dieser Aussagen und Denkweisen wurden noch vor einiger Zeit lediglich in der „rechten Schmuddelecke“ weitergegeben; heute sind sie zum Allgemeingut geworden. Dasselbe gilt auch für gewisse Symbole und Metaphern wie die antisemitische Rede von den „Heuschrecken“ oder aktualisierte Formen der nationalsozialistischen Unterscheidung zwischen „raffendem“ und „schaffendem“ Kapital.

Wir wollen diese Beispiele als Versatzstücke und Weiterentwicklungen faschistischer Ideologien erkenntlich machen. Doch sie sind natürlich nicht an sich „faschistisch“, sondern haben meist eine Geschichte, die viel weiter zurückreicht. So geht der moderne Antisemitismus auf den jahrhundertealten christlichen Antijudaismus und dessen religiöse Begründungen zurück. Im 19. und frühen 20. Jahrhundert erfuhr er unter anderem durch die Biologisierung entscheidende Veränderungen: Es wurde eine „jüdische Rasse“ konstruiert, die angeblich unveränderliche, weil angeborene Eigenschaften aufweist. Solche Diskurse konnten vom faschistischen Denken aufgenommen und weiterentwickelt werden.

Die konkrete Form dieser Veränderungen zu bestimmen, ist zweifellos enorm wichtig. Für den vorliegenden Zusammenhang lässt dieses Vorgehen aber einen wesentlichen Punkt aus: Auch wenn die historischen Faschismen nichts Wesentliches an jenen Diskursen verändert haben sollten, so stellt allein die Tatsache, dass sie in faschistischen Ideologien verwendet wurden, eine entscheidende Veränderung dar. So hat der Nationalsozialismus beispielsweise ein ausgebildetes System antisemitischen Denkens und Handelns übernehmen können, das er dann in seiner mörderischen Konsequenz umsetzte. Ein weiteres Beispiel sind eugenische Programme, die zunächst durchaus auch von „humanitären“ Vorstellungen begleitet waren. Nach den nationalsozialistischen Massenmorden kann die immanente Gefahr solchen Diskurse aber nicht mehr geleugnet werden.

Noch deutlicher wird dies auf einer anderen Ebene: Ästhetiken und Symbole historischer Faschismen wie die Sig-Rune und das Hakenkreuz sind zwar allesamt älter als der Nationalsozialismus, heute sind sie jedoch durch diesen gewissermassen 'überdeterminiert'. Das heisst, sie sind immer schon durch ihre Geschichte diskreditiert, die eben auch die Geschichte ihrer Verwendung für faschistische Propaganda ist. Genau deshalb sind sie „fascho!“ und es sollte zumindest BewohnerInnen der „westlichen“ Welt heute nicht mehr möglich sein, sie ohne den Faschismus zu denken!

Wir wollen jedoch drittens – und das dürfte die umstrittenste Anwendung von „fascho!“ sein – das Feld der Untersuchung noch weiter öffnen: Auf Ausschluss, Verwertung oder eine verkürzte Kapitalismuskritik abzielende Argumentationen, Politiken und Praktiken müssen sich nicht in jedem Fall auf Elemente „faschistischer“ Ideologien beziehen. Trotzdem zeigen sie Effekte, die uns an Berichte aus faschistischen Diktaturen erinnern. Ein gutes Beispiel dafür ist die bereits erwähnte Behindertenpolitik. Deren Resultate sind auf einer phänomenalen Ebene durchaus vergleichbar mit faschistischen eugenischen Programmen. So werden allgemeine gesellschaftliche Vorstellungen davon durchgesetzt, was denn ein „gutes“ Leben sei – teilweise sind gar die Argumente dafür dieselben wie diejenigen der historischen Vergleichsgrössen: Damals wie heute finden wir die Aussage, dass es darum gehe, „Leiden“ zu verhindern. Es wäre jedoch vermessen, den VertreterInnen dieser Politiken eine „faschistische“ Gesinnung zu unterstellen. Sie denken und handeln nach einem Kalkül der Optimierung – sei es des Lebens der Betroffenen oder der Staatsfinanzen –, jenseits dessen es keine umfassende Ideologie gibt, die sie dazu verleiten würde. Die Normen werden kaum mehr durch offene Repression durchgesetzt. Vielmehr liegt die Wahl bei den Betroffenen selbst, doch wie so oft besteht deren Freiheit lediglich darin, die Notwendigkeit einzusehen.

Mit der Benennung als „fascho!“ soll genau dieser Tatsache Rechnung getragen werden. Es geht uns nicht darum, lineare Verbindungen zwischen Fragmenten faschistischer Ideologie und solchen gegenwärtigen Politiken und Praktiken zu ziehen. Ein direkter Bezug zwischen damals und heute lässt sich nicht herstellen. Unsere „neo-liberale“ oder „spät-kapitalistische“ Gesellschaft ist nicht faschistisch! Trotzdem sind phänomenale Ähnlichkeiten nicht einfach irrelevant. Die Benennung als „fascho!“ weist darauf hin, dass hier etwas nicht stimmt. Ohne eine Übereinstimmung zu behaupten, formuliert sie aus der historischen Erfahrung heraus eine Vorsicht gegenüber gegenwärtigen Tendenzen und ermöglicht eine grundsätzlich kritische Haltung. Spezifische historische Situationen wiederholen sich nicht einfach, aber der Bezug auf die Geschichte schärft den Blick für Ähnlichkeiten zwischen heutigen und damaligen Prozessen und Praktiken. Durch die Methode des Vergleichs lassen sich heutige Selbstverständlichkeiten in ein anderes Licht rücken. In diesem Sinne geht es uns um ein "devoir de mémoire" (eine Pflicht zu erinnern), das sich jedoch als Handeln in der Gegenwart versteht, indem es die historische Besonderheit der je aktuellen gesellschaftlichen Situation ernst nimmt.


Bezüge zwischen den einzelnen Feldern

Damit kommen wir auf die Frage zurück, inwiefern durch die Denunziation aktueller Zustände als „fascho!“ tatsächlich bestehende Bezüge zwischen den einzelnen oben skizzierten Feldern benannt werden. Klar ist zum einen, dass oftmals faschistisch überdeterminierte Diskurse verwendet werden, um bestimmte Politiken durchzusetzen. So werden, um beim bereits erwähnten Beispiel zu bleiben, Menschen mit einer Behinderung nicht nur von nationalkonservativen Kreisen wie der SVP mit einem Vokabular bedacht, das deutliche Anleihen an in faschistischen Gesellschaften verbreitete Metaphoriken aufweist. Wer von „SchmarotzerInnen“ und „ParasitInnen“ spricht, bezieht sich nicht einfach auf neutrale Begriffe aus dem Biologie-Unterricht, sondern auf eine lange Geschichte von deren Verwendung. Unter anderem waren sie Bestandteil der Propaganda für die nationalsozialistische Vernichtungspolitik. Haben auch die Ziele der heutigen Behindertenpolitik - zumindest aus staatlicher Sicht - sicherlich nichts mit der Euthanasie zu tun, so stellen jene Argumente eine Verbindung her, die nicht mit dem Argument, dass die Ziele doch andere seien, unter den Tisch gewischt werden darf. Die Absicht besteht ohne Zweifel ‚nur’ darin, die staatliche Verwaltung von „Behinderung“ zu „optimieren“. Bei den Anleihen aus jenen Diskursen handelt es sich um ein gefährliches und letztlich nicht kontrollierbares Spiel mit dem Feuer.

Zum anderen können auch die allgemeinen politischen Programme von Parteien wie der SVP nicht als „faschistisch“ bezeichnet werden. Die von ihren Wortführern und Texten bemühten Diskurs-Fragmente mit faschistischer Geschichte dienen ihnen jedoch dazu, den WählerInnen einfache und die bestehende Ordnung nicht gefährdende Erklärungen für jene gesellschaftlichen Veränderungen zu liefern, die sie beunruhigen und beängstigen – und man könnte hinzufügen: als Konsequenz dieser Politiken auch beunruhigen und beängstigen sollen. Auch hier gilt, dass sich die Ergebnisse dieses Spiels nicht kontrollieren lassen. Das Herumexperimentieren mit Rassismus und anderen Diskursen kann schnell eine tödliche Eigendynamik entwickeln.

Neonazis und ähnliche Gruppierungen fügen sich ausgezeichnet in diese Situation ein. Sie dienen einerseits der „bürgerlichen“ Rechten als Alibi. Sie kann Empörung heucheln, wenn beispielsweise Neonazis und „PatriotInnen“ am Nationalfeiertag auf dem Rütli aufmarschieren. Indem man diese dann lautstark als „extreme“ Gruppen bezeichnet, lässt sich leicht verbergen, dass man selbst ganz ähnliche Positionen vertritt – lediglich mit weniger Säbelrasseln und besser integriert. Auf diese Weise werden die verbalen und tätlichen Provokationen neonazistischer Gruppen dazu verwendet, neu-rechtes Gedankengut subtil in der „bürgerlichen“ und „demokratischen“ Mitte salonfähig zu machen. Dass es jedoch sehr wohl auch direkte Überschneidungen gibt, zeigen Publikationen wie "Nation und Europa", personelle Überschneidungen zwischen bürgerlichen Parteien und neonazistischen und ähnlichen Gruppen sowie bürgerliche PolitikerInnen, die rechten Publikationen Interviews geben. Auch wenn sich Neonazis unter ihren Mitgliedern befinden, ist die SVP jedoch keine Partei von Neonazis; wohl aber verwendet sie gewisse Versatzstücke aus deren Denken – und dies sehr bewusst. Die Neonazis wiederum nutzen die durch Parteien wie die SVP lancierten Themen, um sich selbst für breitere Schichten attraktiv zu machen. Es handelt sich bei ihnen also keineswegs bloss um ein „Randphänomen“. Auch wenn ihre direkte politische Bedeutung gering ist, so erfüllen sie doch eine wichtige Funktion für die Durchsetzung neu-rechter gesellschaftspolitischer Agenden. Genau deshalb ist es nicht damit getan, in klassischer SozialarbeiterInnen-Manier die Neonazis verstehen und psychologisieren zu wollen. Auf diese Weise wird nicht nur ausgeblendet, dass die TäterInnen sehr wohl selbst für ihre Taten verantwortlich sind und gemacht werden sollen. Verunmöglicht wird auch der Blick auf ihre Funktion für die (Re-) Strukturierung des gesamten politischen Felds sowie ihre reale Bedrohlichkeit für verschiedene Gruppen von Personen.

Die Berücksichtigung dieser Herangehensweise hat wichtige Konsequenzen für die Erklärung des Phänomens neofaschistischer und neonazistischer Gruppen Es reicht nun nämlich nicht mehr aus, einfach deren explizit geäusserte ideologische und historische Referenzpunkte aufzuzeigen, wie es viele andere Aus- und Darstellungen tun. Wenn wir solche Gruppen und Personen oder deren Denken beschreiben wollen, dann bewegt sich die Analyse in einem gesellschaftlichen Feld, das ein wesentlich anderes ist als dasjenige Italiens, Deutschlands oder Spaniens der Zeit vor und während des Zweiten Weltkriegs. Auch der Bezug auf die „Fronten“ der 1930er Jahre ist aus dieser Perspektive – jenseits der geographischen Übereinstimmung – keineswegs so offensichtlich, wie es die ProtagonistInnen manchmal selbst zu behaupten versuchen. Anstatt die Verbindungen und Kontinuitäten als gegeben anzunehmen, muss eine historische Darstellung deshalb zuerst die Frage stellen, ob sich solche Bezüglichkeiten wirklich aufzeigen lassen und wie sie genau aussehen. In anderen Worten: Bevor die historischen „Vorläufer“ und Vorbilder heutiger Neonazis bezeichnet und beschrieben werden, muss geklärt werden, inwiefern sich das Phänomen des Neonazismus mit historischen Bewegungen und Organisationen überhaupt vergleichen lässt.


Wenn wir im Rahmen unserer Ausstellung den Begriff „fascho!“ verwenden, so geschieht dies immer vor dem Hintergrund dieser Überlegungen. „fascho!“ bezeichnet somit nicht einfach eine Vermischung verschiedener politischer Programme, Organisationen und Denkformen, sondern ein – nicht immer aufgehendes – Puzzle, in welchem jeder Teil – faschistisch überdeterminierte Diskurse, Neonazis und „neo-liberales“ Optimierungshandeln – ihren Platz haben und unterschiedlichen Funktionen erfüllen. Das wesentliche Ziel der Ausstellung ist es, diese Anordnung zu thematisieren und zur Diskussion zu stellen. Wir wollen darüber hinaus aufzeigen, dass solche Zusammenhänge bis weit nach links übersehen werden. So ist nicht zuletzt die (mit-) regierende „Sozialdemokratie“ eine der grössten VerfechterInnen einer Politik der Gleichsetzung der „Extreme“, welche ein Nachdenken über die eigenen Denkweisen und Politiken verhindert. Anstatt Alternativen zu entwerfen, hat sie es zu verantworten, dass neu-rechte Ideologien zunehmend in salonfähig werden.

 
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